23. Februar 2017

Der junge Karl Marx

Zwischen Reaktion und Revolution / Von Thomas Nord

Filmwerbung an der Bad Belziger Geschäftsstelle. Wer den Film sehen will - er läuft am Premierentag auch in Kleinmachnow (Kammerspiele), Potsdam (Thalia) und Brandenburg-Stadt (Concerthaus). In Bad Belzig ist er vorerst nicht geplant. Das ergab eine Anfrage bei den Betreibern des Hofgarten-Kino. / Foto: LINKE

Anfang März wird ein abendfüllender Film über das Leben des jungen Karl Marx in den Kinos anlaufen, der die gesellschaftlichen und politischen Umstände seiner Zeit wieder lebendig werden lässt. Es ist eine Zeit, die zwischen monarchischer Reaktion und demokratischer Revolution hin- und herschwankt. Der Film erinnert uns daran, dass es Zeiten gibt, in denen man nicht nur zuschauen kann.

Karl Marx hat von 1836 bis 1841 in Berlin Rechtswissenschaften und Philosophie studiert. In dieser Zeit wurde er mit dem Kreis der Junghegelianer bekannt. Im Jahr 1841 promovierte Marx, durch seine radikale politische Haltung blieb ihm jedoch die Universitätslaufbahn versagt. Seit 1842 entwickelte er aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie die Grundrisse der politischen Ökonomie.

Im gleichen Jahr wurde er Chefredakteur der »Kölner Zeitung für Politik, Handel und Gewerbe«. An dieser Stelle setzt die Handlung des Films ein. Er traf das erste Mal auf Friedrich Engels, in seinen Augen zunächst ein bourgeoiser Unternehmersohn. Die »Rheinische Zeitung« wurde 1843 zensiert, Karl Marx ging mit seiner Frau Jenny ins Pariser Exil. Hier schließt er seine gedankliche Entwicklungsarbeit ab. Aus der Kritik der Hegelschen Rechts- und Staatsphilosophie war der unversöhnliche Gegensatz von Kapital und Arbeit geworden.

Auf Betreiben der preußischen Regierung wurde er 1845 aus Frankreich ausgewiesen. Er ging nach London, wohin der politische Arm Berlins nicht reichte und gab seine Staatsbürgerschaft auf. Am Beginn des Jahres 1848 haben Marx und Engels das Kommunistische Manifest veröffentlicht. Hier endet der Film, aber nicht die Weltgeschichte.

Vor 100 Jahren wurde die Oktoberrevolution durchgeführt und die Bolschewiki errichteten die Sowjetunion. Am Beginn der 1990er Jahre scheiterte ein politischer Weg, der sich nach Marx »Diktatur des Proletariats« nannte und in eine klassenlose Gesellschaft führen sollte. Die UdSSR, die DDR, der Staatssozialismus und der Kalte Krieg traten ihren Weg in die Geschichtsbücher an. Die USA waren die verbliebene Supermacht, das Ende der Geschichte wurde verkündet und eine »New World Order« proklamiert, in der der Kapitalismus weltweit ausgedehnt werden sollte. Der damalige Sozialminister der CDU, Norbert Blüm, sagte in seiner rheinischen Frohnatur: „Marx ist tot, Jesus lebt.“

Heute ist das Scheitern der Offensive des finanzmarktgetriebenen Kapitalismus offensichtlich. Sie ist in eine Phase des Rückzugs und der Abschottung umgeschlagen. Auch die Europäische Union ist instabil. Das Vereinigte Königreich hat 2016 für den Austritt gestimmt. In nahezu sämtlichen Mitgliedsstaaten der EU gibt es politische Kräfte, die uns ein Roll-Back in die Nation, auf das Volk und die kulturelle Restauration des Vaterlandes schmackhaft machen wollen.

Marx fokussierte sein Denken auf die Betrachtung von ökonomischen Prozessen, die die Industrialisierung mit sich brachte. Die Welt war im Wandel, die Dampfmaschine trieb ihn unerbittlich voran. Die Landbevölkerung verlor ihren Halt und zog in die sich gerade herausbildenden Städte. In London sah Marx die Verelendung der Arbeiter im schon entwickelten, aber noch frühkapitalistischen Zustand. Seine Schlussfolgerung: Die Ausgebeuteten, Unterdrückten und Entrechteten müssen sich als politische Gruppe formieren, als Arbeiterklasse, die für ihre Rechte kämpft. Dies nicht im nationalen, sondern im internationalen Rahmen. Der Internationalismus ist das Äquivalent der Kapitalseite, nicht die abgeschlossene Nation.

Heute treibt nicht mehr die Dampfmaschine, sondern der Computer die Vernetzung des menschlichen Bewusstseins und seiner Aktivitäten auf globalem Niveau voran. Sie bringt neue Formen des Reichtums und der Armut mit sich. In ihr werden neue Forderungen von Partizipation und Gleichstellung gestellt. Neue Wanderungsbewegungen finden statt. Die alte Welt steht ein weiteres Mal vor einer gewaltigen Herausforderung und schwankt wieder zwischen Reaktion und Fortschritt.

Schon seit einigen Jahren wächst das ideengeschichtliche Interesse an den Büchern von Marx und Engels wieder. In ihnen ist die dialektische Methode enthalten, mit der Marx und Engels ein auch heute noch hilfreiches und kluges Instrument zur gedanklichen Orientierung zur Verfügung stellen. Aber auch die Idee einer klassenlosen Gesellschaft gewinnt nach einem Vierteljahrhundert real existierendem Neoliberalismus gerade bei Jugendlichen erneut an Attraktivität. Bei allen Veränderungen, die dem digitalen Fortschritt vor allem in den Bereichen Arbeit und Kommunikation folgen - in einem Punkt ist der Kampf um soziale Gerechtigkeit wie zu Zeiten des jungen Marx gleich geblieben:

Ohne starke Organisationen wird es nicht gehen. Ohne Verankerung in der Gesellschaft wird es nicht gehen. Ohne Verankerung in außerparlamentarischen Bewegungen wird es nicht gehen. Ohne starke Vertretung in Parlamenten wird es nicht gehen. Wir kämpfen auf allen Ebenen für politischen Fortschritt. Für den sozial-ökologischen Umbau. Für Zusammenhalt. Für Frieden. Gegen Krieg. Gegen die Reaktion. Kämpf mit in der LINKEN.